Der Mittelstand in Deutschland

Der Mittelstand: Rückgrat der deutschen Wirtschaft

Der Mittelstand wird regelmäßig als „Erfolgsfaktor der deutschen Wirtschaft“ bezeichnet, als „Motor“ oder „Rückgrat“. Er gilt als sehr vielfältig und dynamisch, als bodenständig und innovativ – und es finden sich einige Weltmarktführer für Nischenbereiche darunter, auch „Hidden Champions“ genannt. Welche Anforderungen werden an den deutschen Mittelstand aktuell gestellt und mit welchen künftigen Herausforderungen wird er umgehen müssen?

Lesezeit: 7 minutes

Publiziert: 09.04.2018

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Definition „Mittelstand“ – Welche Unternehmen gehören dazu?

Wenn Kennzahlen zum Mittelstand in Deutschland genannt werden, fehlt oft ein Hinweis auf die im jeweiligen Fall konkret darunter gezählten „mittelständischen“ Unternehmen. Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) definiert „Mittelstand“ beispielsweise nach qualitativen Kriterien und fasst darunter alle Betriebe, bei denen bis zu zwei natürliche Personen oder ihre Familienangehörigen, direkt oder indirekt, mindestens 50 Prozent der Anteile des Unternehmens halten. Wenn also Zahlen kursieren wie „99,6 Prozent aller deutschen Unternehmen gehören zum Mittelstand“ (BMWi), ist in der Regel eine so breite Definition zugrunde gelegt.

Ebenfalls gebräuchlich sind Definitionen nach quantitativen Kriterien: So werden zum Beispiel kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit bis zu 500 Mitarbeitern oder einem Jahresumsatz bis zu 50 Millionen Euro als „mittelständisch“ bezeichnet. Allgemein akzeptierte statische Kriterien zur Abgrenzung existieren nicht. Für grundlegende Analysen und stichhaltige Schlussfolgerungen für die Wirtschaftsentwicklung ist jeweils eine klare Differenzierung erforderlich – insbesondere, um nachhaltige Maßnahmen für die Mittelstandsförderung abzuleiten.

Der Mittelstand in Zahlen: Verteilung der einzelnen Gewerbe

 

Status quo: Welche wirtschaftliche Relevanz hat der Mittelstand in Deutschland?

Tatsächlich sind die Zahlen beeindruckend, die für den Erfolg des deutschen Mittelstandes herangezogen werden können: über die Hälfte (58,5 %) der Beschäftigen in Deutschland arbeitet in mittelständischen Unternehmen. KMU erwirtschaften 35,3 % des Gesamtumsatzes des Landes und stellen 81,8 % aller Arbeitsplätze bereit (Quelle: Zahlen des BMWi für 2016). Wenngleich einige Studien, wie oben ausgeführt, den Begriff „Mittelstand“ sehr weit fassen, ist dessen Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland – für Wohlstand und Wachstum der Volkswirtschaft – unumstritten.

Und das, obwohl der Großteil der Mittelständler Kleinunternehmen sind: 86 % der mittelständischen Unternehmen kommen lediglich auf einen Jahresumsatz von bis zu einer Million Euro und unter 0,3 % verzeichnen einen Jahresumsatz von über 50 Millionen Euro. 81 % der kleinen und mittleren Unternehmen beschäftigen weniger als fünf Mitarbeiter.

Der Schwerpunkt des Mittelstandes liegt mittlerweile im Dienstleistungsbereich, rund drei Viertel der Unternehmen lassen sich darunter zählen. Den höchsten Anteil daran haben mit 32,2 % die unternehmensnahen Dienstleistungen. Nur rund 7 % der kleinen und mittleren Unternehmen sind im verarbeitenden Gewerbe tätig.

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Quo vadis: Vor welchen Herausforderungen steht der deutsche Mittelstand?

Digitalisierung und Industrie 4.0, Innovation und Spezialisierung, Wettbewerbsdruck durch Globalisierung, Finanzierungsstrategien und der steigende Bedarf an Fachkräften – dies alles sind Themen, die in Analysen, Expertenbefragungen und Studien immer wieder aufgreifen. Themen, die für die künftige wirtschaftliche Entwicklung des deutschen Mittelstands als relevant genannt werden und nach Experteneinschätzung an Dringlichkeit weiterhin zunehmen. In der Studie „Innovativer Mittelstand 2025“, die von prognos und dem Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) erstellt wurde, werden aus diesen Herausforderungen und Trends Handlungsempfehlungen für Unternehmen und gleichermaßen für die Wirtschaftsförderung und Politik abgeleitet. Nachfolgend stellen wir fünf wesentliche Schlussfolgerungen für die künftige Entwicklung des deutschen Mittelstandes vor.

1. Digitalisierung und Industrie 4.0

Die Digitalisierung wird voranschreiten und bei vielen mittelständischen Unternehmen zunehmend das Kerngeschäft betreffen. Darin ist eine Entwicklungschance zu sehen. Allerdings werden viele kleine und mittlere Unternehmen im Zusammenhang mit der Digitalisierung eher reaktiv und selektiv aktiv. Das heißt, sie beziehen sich mehrheitlich auf einzelne Produkte oder Prozesse. Ein umfassendes Konzept, das eine langfristige Digitalisierungsstrategie umfasst sowie bisherige Aktivitäten evaluiert und ausreichend hinterfragt, ist oft nicht vorhanden, aber dringend erforderlich.

Den Änderungen, die sich durch die Entwicklung hin zur Industrie 4.0 ergeben, begegnen mittelständische Unternehmen am besten mit offensiven Strategien und indem sie sich von vorneherein richtig aufstellen, was das geeignete Geschäftsmodell, die Gestaltung der Innovationsprozesse und die interne Organisation sowie Weiterbildung angeht. So bieten sich insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen, deren Geschäftserfolg bislang in der individuellen Fertigung ausgesuchter Nischenprodukte lag, vielversprechende Zukunftschancen.

2. Innovation und Spezialisierung

Viele mittelständische Unternehmen sind in ihrer Branche hochspezialisiert und der Trend zu einer expliziten Fokussierung auf Marktnischen wird auch künftig dominieren. Nicht vorhersehbare, regelrecht disruptive Innovationen erfordern aber künftig eine intensivere Beobachtung von Entwicklungen, wie zum Beispiel in Bezug auf Technologien und Dienstleistungen. Immer wichtiger wird die Betrachtung von Geschäftsmodellen, welche die klassischen Branchengrenzen überwinden.

Dabei müssen Innovations- und Forschungsaktivitäten nicht nur beschleunigt durchgeführt werden, sondern sie werden tendenziell auch aufwendiger und kostspieliger. Um den Anschluss an die technologische Entwicklung und die digitalisierten Prozesse sicherzustellen, ist eine stärkere Fokussierung mittelständischer Unternehmen auf Partner aus der Wissenschaft sinnvoll.

3. Wettbewerbsdruck und Chancen durch Globalisierung

Der Wettbewerbsdruck für kleine und mittlere Unternehmen wird durch die Globalisierung und den technologischen Fortschritt weiterhin deutlich ansteigen. Innovationszyklen werden sich verkürzen, was bisher erfolgreiche Strategien immer wieder aufs Neue zur Disposition stellt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, eine Balance zu finden zwischen langfristig nachhaltiger Planung und Forschungstätigkeit sowie einer ebenso entscheidenden projektorientierten und auf kurzfristige Ziele ausgerichteten Flexibilität.

Neue Impulse sind durch Innovationen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie und die fortdauernde Integration ehemaliger Schwellen- und Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft zu erwarten. Der Konkurrenz ausländischer Anbieter auf dem deutschen Markt kann mit einer weiteren Konzentration auf spezialisierte Produkte und Dienstleistungen begegnet werden, die ebenso verstärkt international gehandelt werden können. Da die Größe des Unternehmens für Auslandsaktivitäten im Dienstleistungssektor weniger ausschlaggebend ist als beispielsweise im verarbeitenden Gewerbe, liegt hier eine klare Chance für kleine und mittlere Unternehmen, von der Globalisierung profitieren zu können.

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4. Finanzierungsstrategien

Mittelständische Unternehmen bauen bei der Finanzierung vor allem auf eigene Mittel (Eigenkapital und Cashflow), klassische Bankenkredite und gegebenenfalls noch eine Zuschussförderung durch den Staat. Aufgrund der steigenden Komplexität der Innovationsprozesse und der beschleunigten Zyklen wird der Finanzierungsbedarf jedoch deutlich steigen. Um das erforderliche Innovationsniveau zu erreichen, müssen kleine und mittlere Unternehmen auf eine weiterhin stabile und sogar zu erhöhende öffentliche Forschungsförderung bauen. Alternativen, so beispielsweise die Finanzierung durch Beteiligungskapital, könnten außerdem in Betracht gezogen werden. Bisher stießen diese jedoch – außer bei Gründungen oder in Technologiebereichen – beim Mittelstand auf wenig Akzeptanz. Wesentlich ist eine langfristige, professionelle Finanzierungsplanung, die nicht nur als Nebenaspekt der Planungsprozesse behandelt wird.

5. Unternehmensstrukturen und Fachkräftebedarf

Der Mangel an spezialisierten Fachkräften wird zuweilen als die „Achillesferse des Mittelstands“ bezeichnet. Hier sind mittelständische Unternehmen gefragt, sich dieser Problematik, die sich durch die demografische Entwicklung noch verschärfenden wird, zu stellen und dem Fachkräftemangel konstruktiv entgegenzuwirken. Dabei wird es erforderlich, mehrgleisig zu fahren: Weder durch Weiterbildung und Qualifizierungsmaßnahmen allein, noch durch eine verstärkte Anwerbung ausländischer Fachkräfte im Sinne einer gesteuerten Zuwanderung kann der Bedarf an Fachkräften ausreichend gedeckt werden. Die Problematik besteht insbesondere, da kleine und mittlere Unternehmen in einer ausgeprägten Wettbewerbssituation gegenüber Großunternehmen und innovativen Gründungen auf dem Arbeitsmarkt stehen.

Strategische, langfristig tragbare Konzepte sind gefragt, denn „um überlebensfähig zu bleiben, muss zunehmend mehr in die Unternehmenskultur investiert werden. Diese trägt maßgeblich zu einer beständigen und wertvollen Personalentwicklung bei“, so Simone Dake, Geschäftsführung Mittelständischer Unternehmertag in ihrem Expertenbeitrag für das Fachbuch “Fit für die Zukunft – Herausforderungen und Trends für den deutschen Mittelstand”. Und diese Änderungen betreffen nicht nur die Belegschaft; gleichermaßen gefragt sind adäquate Führungsstrukturen. Mittelständische Unternehmen sind oft in kurzer Zeit stark gewachsen, die Unternehmenshierarchie ist dabei aber noch immer so aufgestellt wie bei der Gründung. Themen wie „Unternehmenskultur“, „langfristige Personalkonzepte“ und „Nachfolgerregelungen“ erfordern eine hohe Strategie- und Reflexionsfähigkeit. Aspekte, die zunehmend relevant werden und bei denen es sich lohnt, Kompetenzen aufzubauen oder zu erweitern.

 

Die Zukunft des Mittelstandes in Deutschland

Der Mittelstand ist ein wichtiger Innovations- und Technologiemotor in Deutschland und wird zu Recht als „Rückgrat der Wirtschaft“ bezeichnet. Um weiterhin international wettbewerbsfähig zu bleiben, muss sich der Mittelstand klar positionieren und sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen, wie Digitalisierung, Industrie 4.0 oder den durch die demografische Entwicklung bedingten Fachkräftemangel. Mittelständische Unternehmen können auf ihre bewährten Spezialisierungs- und Nischenstrategien bauen und optimistisch in die Zukunft blicken, wenn sie die Herausforderungen als Initialzündung für Modernisierungsstrategien sehen und bewusst offensiv angehen.

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Autor

Andreas Duerr
Andreas Duerr

Andreas Duerr ist Chefredakteur des B2B Managers. Er verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen in den Bereichen strategische Absatzkonzepte und Verkaufsförderung. Er kennt die Höhen und Tiefen des Vertriebsalltags und nimmt mit seiner Expertise in den Themenfeldern Vertriebsaufbau, Führung und Organisation auch im B2B Manager eine leitende Rolle ein.

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